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YOLGEZER1984
07.04.2005, 16:46
Der Lebenslauf des Menschen ist nach alevitischer Vorstellung vom Streben nach einer Entwicklung des Denkens und Ethos bestimmt. Die Aleviten sprechen von den 4 Toren, die der Mensch durchschreiten habe, um seine Bestimmung auf der Erde gerecht zu sein und um die o. b. Entwicklung (Annäherung zu Gott) zu erreichen.


4 Pforten und 40 Regeln
1.

Die Scharia (Seriat)

Es sind die Regeln, die durch Sehen, Hören, und Mitmachen gelernt, verstanden und wahrgenommen werden. Ein Wegweiser bzw. Meister (Rehber) hilft den einzelnen Schülern (talip) dabei.
Diese Pforte wird durch 10 Regeln erreicht: glauben, lernen, Gottesdienst verrichten (beten, fasten, Almosen geben), ehrlichen (legitimen) Verdienst haben, Frauen achten und kein Geschlechtsverkehr während der Menstruation üben, Fürsorge zeigen, reines Essen genießen, Gutes tun.


2.

Der mystische Pfad (Tarikat)

Das Ziel dieser Pforte ist, Sinn des Glaubens zu erreichen, der für andere ein Geheimnis bleibt. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht der Mensch einen Helfer /Dede.
10 Regeln (Stufen): sich dem geistigen Lehrer (Pir) anvertrauen, als Lernende sich hingeben, auf äußeres Aussehen verzichten, geduldig sein, fürchten/achten, hoffen auf Hilfe von Gott, gemeinsam sich einfügen (demütig sein), Mensch und Natur lieben.


3.

Das Tor der Erkenntnis (Marifet)

Auf dieser Stufe wird die Lehre tiefgehend studiert und die Bedeutung des Gelernten durch die vorangegangenen Stufen verknüpft. Das gelernte Gesamtwissen muß auch in den Verhaltensweisen gezeigt werden. Dabei wird der Mensch von seiner Unwissenheit gerettet und für die letzte Phase vorbereitet.
10 Regeln (Stufen): gutes Benehmen und Anstand, ehrenhaft leben, geduldig sein, genügsam sein, Schamhaftigkeit zeigen, Freigiebigkeit zeigen, Wissen erwerben, Harmonie bewahren, gewissenhaft sein und Selbsterkenntnis üben.


4.

Die Wahrheit (Hakikat)

Der Mensch begreift alle Geheimnisse des Weges, die Bedeutung und den Sinn des Lebens. So werden ihm alle Geheimnisse des Kosmos, der Welt und des Daseins geöffnet. Er ist dann ein vollkommener, gereifter Mensch. Hier sind auch die zehn Regeln benannt: Bescheiden sein, Menschen achten und ehren, Arroganz total abschaffen, alle Religionsgemeinschaften nicht nur durch Lippenbekenntnis anerkennen, keine üble Nachrede begehen, Glauben an Einheit von Allah, Muhammed und Ali, nicht lügen, nicht stehlen, keinen unerlaubten Sex begehen, Gott Vertrauen schenken, das erfundene Geheimnis aussprechen.

Bir Zeynep
01.11.2005, 16:41
Hallo, du hast also auch das Buch "Das Alevitentum...", welches ich gerade vorgestellt habe! Es ist wirklich ein tolles Buch, finde ich. Und sehr hilfreich, da es auf Deutsch geschriben ist. Ich kann es wirklich nur weiterempfehlen!!

sivaspiri
19.01.2007, 19:15
Grundlagen des alevitischen Glaubens
Das Alevitentum ist ein lebensphilosophisch anzusehendes Glaubenssystem.

Ein Alevit:

- trägt die Heiligkeit von Allah (Gott), Mohammed, Ali (Schwiegersohn von Mohammed) in seinem Herzen,

- ist Alis Gerechtigkeit absolut treu (Er verstößt niemals gegen Alis Gerechtigkeitssinn),
- beherbergt in seinem Herzen die Menschenliebe,
- achtet und toleriert jede Religion, Konfession, Glaubensrichtung,
- macht keine diskriminierenden Unterschiede wegen Sprache, Religion, Rasse, Farbe,
- stiehlt nicht, lügt nicht, geht nicht fremd (Er zügelt seine Hände, seine Zunge, seinen Geschlechtstrieb),

- ist aufrichtig, freundlich, barmherzig, gerecht, liebevoll,
- legt sehr großen Wert auf Wissen (Wissenschaft),
- strebt die Vollkommenheit an,
- wendet sich angstfrei und mit Liebe dem Gott hin,
- sieht den Gott und Menschen als Einheit an,

Im Alevitentum:

-finden alle gläubigen Menschen, die dorthin kommen, seelsorgliche Aufnahme und Beistand,
- werden Prinzipien wie Gleichheit, Gleichberechtigung, Anteilnehmen verteidigt, die es ermöglichen, dass die Menschen in der Gesellschaft freiwillig sich selbst beherschen können,
- gibt es keinen Platz für das fanatische Scheriatsrecht und wird es strikt abgelehnt,
- wird der Islam anders interpretiert als im Sunnitentum - (Alevitische Auslegung des Islams unterscheidet sich wesentlich von der des Sunnitentums, in den starren fanatischen Religionsgesetzen herrschen.),
- haben die Werte wie Ethik, Anstand fundamentale Bedeutung,
- wird der Mensch als höchst erhaben betrachtet,
- ist das Wissen (Bildung) genau so wichtig und wertvoll wie die göttliche Kraft,
- wird die Religion nicht formal (starre unveränderliche Gesetze u. Vorschriften) angesehen, sondern als Glaube wahrgenommen; sie wird als Willenskraft und tieferer innerer Sinn evolutioniert. In der Synthese der Vernunft und des Glaubens wird die Religion vereinheitlicht,

-werden alle aufgezählte Werte und Tugenden durch Kirklar cemi (Gebet von 40 Heiligen) inspiriert.

Das Alevitentum unterscheidet sich vom Bektaschi-Orden kaum. Das Alevitentum umfaßt den Bektaschi-Orden und andere Menschen mit gleichen Glaubensgrundlagen. Der Bektaschi-Orden ist eine der Richtungen im Alevitentum. Der Sufismus ist auch ein Teil des Alevitentums.

Alevitische Gemeinden versuchen bei unseren Aktivitäten Atmosphäre zu schaffen, in der die jüngeren und älteren Generationen in gegenseitiger Achtung und Liebe voneinander lernen können. Wir glauben an die Notwendigkeit, daß die Älteren mit Geduld und Toleranz unsere Kultur und unseren Glauben den Jüngeren weitergeben, damit das Alevitentum erhalten bleibt.

Trotz kultureller und historischer Verbindungen zu Sunnitentum und auch zu Schiitintum im Iran sind die Unterschiede zwischen ihnen und unserer Lehre ganz offensichtlich.

Die wesentlichen Glaubensaussagen wurden bei Aleviten mündlich überliefert, vor allem durch die dedes (Prister), z. T. in religiösen Gesängen, oder schriftlich in den Buyruklar (Gebote) und Gedichte. Viele Aleviten sind davon überzeugt, daß Gott einen heiligen Koran an Mohammed offenbart hat, aber sie sind auch gleichzeitig davon überzeugt, daß dieser Koran nicht mehr mit dem ursprünglichen Inhalt existiert; er wurde ihrer Meinung nach durch den Kalifen Osman vernichtet und durch den heute bei den orthodoxen Muslimen vorhandenen Koran ersetzt worden, der daher nicht mehr Gottes Offenbarung ist. Der ursprüngliche Koran ist nur dem heiligen Ali erhalten geblieben. Ali entsprach in all seinen Reden und Handeln in vollkommener Weise dem Willen Gottes; Alis Leben und Tun haben für die Entwicklung und Entstehung der Alevitischen Lehre als Grundlage gedient.