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gulizar
16.02.2006, 21:03
Aus: Der Buchstabe Ta

XXXVIII. (38)Du frommer Mann, verlästre nicht die Trinker,
Man schreibt die fremden Sünden nicht auf dich.

Ich sey nun böse oder gut. Sey ruhig,
Ein jeder erntet ein, was er gesät.

Auf Gottes Gnade laß mich nicht verzweifeln,
Was weißt du, wer verdammt, wer selig wird?

Es liebt den Freund, der Nüchterne und Trunkne,
Moscheen und Kirchen sind der Liebe Haus.

Nicht ich allein fiel aus der Reinheits Zelle,
Mein Vater schon verlor das Paradies.

Den Kopf hab' ich der Schenke übergeben,
Versteht's der Neider nicht, sag': neig' den Kopf.

Schön ist das Paradies! Doch du genieße
Der Weide Schatten, und den Rain der Flur.

Verlaß dich nicht auf fromme Thaten, weißt du,
Was dir des Buches Feder einstens schrieb.

Am Todestag Hafis! Das Glas zum Munde
Dann fahrest du vom Mund zum Himmel auf.

Ist deine Neigung dies, o schöne Neigung!
Ist dieses dein Gebrauch, o guter Brauch!




Diese Oder ist eine Apologie wider die Beschuldigungen von Irreligion und Ketzerey, wozu Hafisens freye Lebensart häufigen Stoff gab. Der Geist der Duldung und Nachsicht wird empfohlen. Jeder gehe seinen Weg, ohne sich um den andern zu bekümmern, sagt der Dichter; ich kann nicht anders handeln, als ich handle, von Ewigkeit her war so meine Bestimmung.

Hafis
(d.h. Bewahrer, der Ehrenname für diejenigen, die den Koran auswendig beherrschen), lebte von 1326 bis 1390 in Schiras. Er gilt als der größte Dichter Persiens. In seinen Liedern und Gedichten verherrlichte er nicht nur Allah und den Koran, er besang in den feurigsten Tönen die Schönheit der Natur, die Liebe zu Frauen und Knaben, zu Wein, Schenken, Gesang und Tanz - und er spottete mit loser Zunge über die Buchstabenfrommen, die ihn wegen seiner "lästerlichen Reden" und Gedichte wegen Ketzerei und Gotteslästerung verfolgten. Der Sufi und "heilige Narr", "die mystische Zunge des Unsichtbaren", "die Rose von Schiras" - auch unter diesen Beinamen ist er bekannt. Goethe nennt ihn den "heiligen Hafis". Ein Heiliger, der das Leben in seiner ganzen Fülle und Sinnlichkeit liebte und genauso sinnlich in seinen Gedichten pries.



Noch im 16. Jahrhundert wurde der berühmte Richter Ebusuud zu einem Gutachten (Fatwa) wegen Gotteslästerei in den Hafisschen Gedichten aufgefordert. Aber auch er war bezwungen von der Schönheit, Leichtigkeit und Reinheit der Hafisschen Verse. In seinem Rechtsgutachten entschied er weiser als manch Heutiger: Er sprach folgende Fatwa:
"Die Gedichte Hafisens enthalten viele ausgemachte und unumstößliche Wahrheiten, aber hie und da finden sich auch Kleinigkeiten, die wirklich außer den Grenzen des Gesetzes liegen. Das sicherste ist, diese Verse wohl voneinander zu unterscheiden, Schlangengift nicht für Theriak (http://www.yinyang-verlag.de/theriak.htm) anzunehmen, sich nur der reinen Wollust guter Handlungen zu überlassen, und vor jener, welche ewige Pein nach sich zieht, zu verwahren. Dies schrieb der arme Ebusund, dem Gott seine Sünden verzeihen wolle."

(aus der Vorrede zum "Diwan" des Hafis in der Übersetzung von Josef von Hammer-Purgstall, erste deutsche Gesamtausgabe 1812/1813.)

gulizar
16.02.2006, 21:09
Aus: Der Buchstabe Elif

XIV. (14)

Seit deine Schönheit dem Verliebten
Die Hoffnung zum Genuße gab,
Hat sich mein Herz und meine Seele
Gestürzet in dein Maal und Haar.

Solch Qual und Leiden, als Verliebte
Erfahren von der Hand der Flucht,
Solch Qual und Leiden hat erlitten
Die Märtrerschaar von Karbela. 1

Wenn sich mein Türke selbst betrinket,
Und meine Seele trunken macht,
So ist es meine Pflicht vor allen
Auf Nüchternheit Verzicht zu thun.

Die Frühlingstage und die Jugend
Die Zeit der Freude und des Weins,
Vier Tage sind es nur o wehe!
Benütze die Gelegenheit.

Hafis! Wenns dir vielleicht gelinget
Den Fuß zu küssen deines Schah's 2
So bist du in den beyden Welten
Erhöht mit Herrlichkeit und Macht.


1 Die siebzig Gefährten Hosseins, die in der Schlacht von Karbela mit ihm theils erschlagen wurden, theils aus Durst umkamen. Ueberall, wo morgenländische Dichter auf brennende Sehnsucht und heißen Durst anspielen, werden diese Märtyrer in Anspruch genommen. Deßhalb geschieht ihrer nirgends so häufig Erwähnung, als in den Aufschriften der Brunnen und Fontainen. So sind die Durstigen zur Ehre gekommen, die Beschützer der öffentlichen Wasseranstalten zu seyn, wie die Siebenschläfer zur Ehre des Patronats der otomanischen Seemacht.

2 Der Schah das ist der Geliebte


Aus: Der Buchstabe Elif

IX. (9)

Sage Morgenwind mit Schmeicheln
Jener lieblichen Gaselle,
Auf die Berge, in die Wüsten
Hat die Liebe mich getrieben.

Warum frägt der Zuckerhändler
(Herr erhalte ihm das Leben)
Warum frägt er nicht ums Wohlseyn
Seines Zucker Papageyes?

Wenn du bey dem Liebchen sitzest
Wein an seiner Seite trinkest,
O erinnre dich der Freunde,
Die umher gleich Winden irren.

Wisse Rose dir geziemt es
Nicht so stolz zu seyn, auf Schönheit
Daß aus Stolz du nach der irren
Nachtigall nicht einmal fragest.

Nur mit guter Art und Weise
Wirst du den Geliebten fangen,
Denn es gehen kluge Vögel
Nicht ins Netz und in die Schlinge.

Wer belehrt mich, warum diese
Dunkeln Augen, hohe Formen
Diese vollen Mondsgesichter
Mir so gar nicht hold seyn wollen!

Deiner Schönheit fänd' ich wahrlich
Gar nichts anders auszusetzen,
Als daß insgemein die Schönen
Nichts von Treu' und Liebe wissen.

Für den Umgang mit den Freunden,
Für die Gunst des Glückes dankbar,
Sey auch eingedenk der Fremden,
Die durch Heid' und Wüsten streifen.

Was ists Wunder wenn im Himmel,
Durch Hafisens Lied gewecket,
Zu dem Lautenspiele Suhre's 1
Der Messias Reigen tanzet? 2


1 Suhre oder Sohre auf arabisch, auf persisch Nahid (Anaitis) der weibliche Genius des Morgens- oder Abendsterns, ehemals ein tugendhaftes Weib auf Erden, welches die in menschlicher Gestalt die Erde durchpilgernden Engel Harut und Marut umsonst zu verführen sich bemühten. Diese wurden zur Strafe in einen Brunnen bei Babilon an den Füßen in Ketten aufgehangen, Suhre aber zur Belohnung ihrer Tugend unter die Sterne versetzet, wo sie als himmlische Venus auf der Laute die Melodien spielt, nach denen die Sphären tanzen.

2 Der Messias oder nach Sudi Hasreti Issa der Herr Jesus.


Aus: Der Buchstabe Elif

I. (1)

Reich mir o Schenke das Glas,
Bringe den Gästen es zu,
Leicht' ist die Lieb' im Anfang
Es folgen aber Schwierigkeiten.

Wegen des Moschusgeruchs,
Welchen der Ostwind geraubt
Deinen gekrau'sten Locken,
Wie vieles Blut entfloß dem Herzen!

Folge dem Worte des Wirths
Färbe den Teppich mit Wein.
Reisende sind der Wege,
Sie sind des Laufs der Posten kundig.

Kann ich genießen der Lust
In des Geliebten Gezelt,
Wenn mich zum Aufbruch immer
Der Karawane Glocke rufet!

Finstere Schatten der Nacht!
Wogen und Wirbelgefahr,
Können Euch wohl begreifen,
Die leicht geschürzt am Ufer wohnen?

Durch die befriedigte Lust
Ward ich zum Mährchen der Stadt,
Kann ein Geheimniß bleiben
Der Stoff der allgemeinen Sage?

Wünschest du Ruhe Hafis,
Folge dem köstlichen Rath:
Willst du das Liebchen finden,
Verlaß die Welt und laß sie gehen.

sonerk
25.02.2006, 18:32
türkçe yok mu arkadaşlar bide ne olduğunu anlasak iyi bişey olduğu kesin de ...

BerlinTokat25
12.07.2006, 13:34
merhaba Gulizar. Ich habe mir dein Beitrag angeschaut, ich muss sagen für ein Mensch der Gedichter immer aus dem Weg geangen ist, hat mich dein "geklauter Text sehr beeindruckt":p Ich könnte mir vorstellen das ich bei deinem nächsten Beitrag wie der mal reinschauen werde.. schönen Gruß